Farbenfroh
Heute geht es ihr besser. Gestern war ein schlechter Tag, das hat sie beunruhigt. Man merkt ihr die Erleichterung an. Frau L. sitzt an der Fensterfront ihres Zimmers, im morgendlichen Sonnenlicht. Sie trägt einen hellblauen Pullover, darüber eine große, auffällige Kette. Ihre Augen sind aufmerksam, wach, freundlich.
Vor ihr der kleine Tisch ist voll. Blumen stehen auch dort. Blumen mag sie sehr. Rosen. Tulpen. Kräftige Farben. Das Bett hinter ihr ist orange bezogen, daneben liegt eine orange Wolldecke über dem Sessel. An den Wänden hängen Leinwände, starke Farben, präsent, als wären sie schon lange hier zu Hause.
Frau L. malt viel bei uns. Kreativ gearbeitet hat sie eigentlich schon immer: getöpfert, auf Seide gemalt, sich in Öl versucht. Am Ende ist sie bei Acryl und Aquarell gelandet. Der Prozess ist schneller, sagt sie. Ungeduldig sei sie schon. Wenn sie sich in ein Projekt verbissen hat, will sie nicht warten. Landschaften malt sie … und Blumen. Viele Blumen.
Ihre Farben sind warm. Rot, Gelb, Orange. Licht spielt eine große Rolle. Das Zusammenspiel von Helligkeit und Schatten macht Details sichtbar. Es baut Perspektive, schafft Räumlichkeit, gibt das Gefühl, eintauchen zu können.
Sie hat mit ihrem Mann bis zu seiner schweren Krankheit mehrere Jahre in der Türkei gelebt. Danach sind sie zurück nach Deutschland gekommen. Das Mediterrane ist noch immer in ihren Bildern. Küsten. Sonnenuntergänge. Weiße Bauten in schroffen Landschaften, ein Esel im Schatten eines Olivenbaums.
Frau L. probiert sich gerne aus. Experimente dürfen auch schiefgehen. Ein Tonengel ist ihr beim Brennen einmal zusammengeschmolzen. Tja, dann musste sie etwas anderes versuchen. Manchmal muss man ungewöhnliche Wege gehen. Sie erzählt von einer Töpferanleitung, die sagte, heller und dunkler Ton ließen sich nicht verbinden. Sie hat den dunklen aufgeraut, richtig aufgerissen, und unzählige kleine helle Blüten angebracht. Verbunden. Gebrannt. Es hält. Und alle Versuche danach auch.
Beim Töpfern konnte sie sich früher regelrecht verlieren. Stundenlang konzentriert gearbeitet, dann auf die Uhr geschaut und gemerkt, dass es Nacht geworden war.
Kreatives Schaffen ist manchmal wie eine Glocke. Es lässt sie Dinge vergessen. Das Schwere, das Schlechte. Es hilft ihr, Abstand zu nehmen von dem, was weh tut. Sie steigt aus, sagt sie, und taucht ein. In eine eigene Welt. Das ist heilsam. Und manchmal notwendig, ein Rückzug, manchmal auch ein Schutz.
Als es ihrem Mann immer schlechter ging, war sie viel mit ihm allein. Freundinnen waren da, aber das System habe sie stehen lassen. Lange Wartezeiten beim medizinischen Dienst, kaum praktische Hilfsmittel für zu Hause. Bei der Pflege war sie auf sich allein gestellt. Sie war an die Wohnung gebunden, konnte ihn nicht allein lassen, war immer an seiner Seite. Und konnte doch ein wenig fliehen. In opulente Blumensträuße, Waldlichtungen, ans Meer. Oder zu kleinen Libellen aus Modelliermasse und Glitzerstaub. Immer bei ihm und doch auch ein bisschen für sich.
Mit einem gewissen Stolz und einem neugierigen Funkeln in den Augen zeigt sie gern die FERTIGEN Werke. Denn beim Entstehen möchte sie niemanden dabeihaben. Das mochte sie noch nie. Wenn sie malt, malt sie allein. Für sich. Kommentare und Nachfragen während des Malens machen sie unruhig, bringen sie heraus.
Auf ihrem Smartphone unzählige Fotos: Malereien, gerahmt und ungerahmt, Blumen, viele Blumen. Tonplastiken. Kleine Blüten aus Ton. Sie zeigt mir ein mediterranes Triptychon in ihrer alten Wohnung. Drei Bilder auf einer weißen Wand, schnurgerade gehängt. Man sieht Möwen, Meer. Fast wie Fenster in eine andere Welt.
Als ich gehe, ist es fast Mittag. Es ist warm geworden, fast heiß da am Fenster, in der Frühlingssonne im Iterbachtal. Wir sitzen auf unseren Stühlen. Auf dem kleinen Tisch ein Aquarell vom Iterbach – fertig. das darf ich sehen –, Teekanne, Tassen, Medikamente, Malwasser, Pinsel, Buntstifte, Papier und … ein prächtiger Strauß Tulpen. Knallgrüne Stängel, voll in der Blüte. Strahlend rot, gelb und orange.






























































































